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Mittwoch, 2. November 2005 |
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Potsdam - Zur Bereitschaft von Matthias Platzeck, Brandenburgischer Ministerpräsident und SPD-Landesvorsitzender, für den Bundesvorsitzenden der SPD zu kandidieren erklärt Brandenburgs SPD-Fraktionschef Günter Baaske:
Mit seiner Entscheidung für den Bundesvorsitzenden der SPD zu kandidieren, hat Matthias Platzeck Mut und Entschlossenheit bewiesen. Er ist sicherlich der beste Kandidat für dieses - gerade jetzt - besonders verantwortungsvolle Amt. Er hat sehr starken Rückhalt in der SPD. Das zeigt das Ergebnis des Gesprächs gestern Abend.
Ich freue mich, dass er bereit ist, die Führung der SPD zu übernehmen. Damit leistet er auch einen großen Beitrag, um Deutschland nach vorne zu bringen. Denn kaum einer wie Matthias Platzeck kann in schwierigen Situationen Ideen entwickeln, dafür kämpfen, umsetzen und dabei Menschen – auch unterschiedlichster Couleur - einbinden. Er ist dabei ein richtig guter Teamspieler.
Vorsitzender der größten Volkspartei Europas sein zu dürfen ist eine hohe Auszeichnung und Ehre. Darauf können wir Brandenburger stolz sein.
Wenn Matthias Platzeck vom Parteitag gewählt wird, wird das auch zum Vorteil für unser Land Brandenburg unter seiner Führung als Ministerpräsident sein. Und es ist gut und wichtig für unser Land, dass er Ministerpräsident bleibt. |
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Mittwoch, 2. November 2005 |
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Matthias Platzeck soll neuer Parteivorsitzender der SPD werden. Darauf verständigte sich am Dienstagabend in Berlin eine Runde führender SPD-Politiker, darunter der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Kurt Beck. Beck sagte nach dem gut zweistündigen Gespräch: "Matthias Platzeck und ich, im Kreise der Vertreter von Landesverbänden, Bezirken und in engem Kontakt mit Franz Müntefering, haben uns ... verständigt, dass wir morgen den Parteigremien vorschlagen, dass Matthias Platzeck für das Amt des Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei kandidieren wird." Da rund ein Dutzend SPD-Landeschefs Platzecks Kandidatur nach Becks Angaben unterstützten, gilt seine Bestätigung durch die SPD-Gremien als sicher. Die endgültige Entscheidung trifft der SPD-Parteitag Mitte des Monats in Karlsruhe. Der 51-jährige Platzeck kündigte an, er wolle auch als SPD-Vorsitzender weiter Ministerpräsident bleiben. Zu seiner Nominierung sagte er: "Für mich ist diese Entwicklung eine große Ehre." |
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Dienstag, 1. November 2005 |
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Meister des Übergangs
Er hätte Außenminister werden können, aber er wollte in Brandenburg bleiben. Nun wird Matthias Platzeck SPD-Vize – und darf sogar auf eine Kanzlerkandidatur hoffen.
Er selbst hätte sich nie zum Enkel Willy Brandts ausgerufen. Aber nun ist er doch einer geworden. Matthias Platzeck, 51, steht im Lichthof des Willy-Brandt-Hauses in Berlin-Kreuzberg. Neben ihm ragt die überlebensgroße Bronzeplastik des großen Vorsitzenden ins Atrium, in dem der Ministerpräsident Brandenburgs die Gäste begrüßt.
Eine seltsame Übergangsgesellschaft hat sich an diesem nasskalten Oktobertag zusammengefunden, um die verstorbene SPD-Ikone Regine Hildebrandt zu ehren. In der ersten Reihe sitzen der Ossi und Noch-Minister Manfred Stolpe und der Wessi und Noch-SPD-Generalsekretär Klaus Uwe Benneter. Auf dem Podium wartet der Hildebrandt-Biograf Hans-Dieter Schütt, der bis 1989 im FDJ-Blatt „Junge Welt“ gegen die Klassenfeinde hetzte.
Dem Gastgeber sind Übergänge vertraut, nicht zufällig hängt in seinem Potsdamer Amtszimmer ein Foto der Glienicker Brücke, über die er in der Nacht der Maueröffnung gen Westen lief. Platzeck war Naturwissenschaftler und ist nun Politiker, er war DDR-Bürger und ist nun in der Bundesrepublik angekommen, er war Protagonist der Grünen im Osten und zählt inzwischen zu den einflussreichsten SPD-Mitgliedern.
Wohl deshalb wirkt es nicht widersprüchlich, wenn er „der Regine“ nachtrauert und gleichzeitig vor „Verklärung“ warnt, vom „sozialdemokratischen Glaubensbekenntnis“ spricht und im selben Atemzug für die „Reform der sozialen Sicherungssysteme“ plädiert. Und es erklärt, warum sein Name plötzlich mit so vielen Erwartungen verbunden wird – schließlich ist die SPD zu einer einzigen Übergangsgesellschaft geworden. Noch-Kanzler Gerhard Schröder wollte ihn zum Außenminister machen, mit der Option auf die nächste Kanzlerkandidatur. Nun soll er stellvertretender SPD-Vorsitzender werden, selbstverständlich mit derselben Aussicht.
15 Jahre gehört Platzeck schon zum politischen Betrieb, der nach westdeutschen Regeln funktioniert. Dass er, der nach eigenem Bekunden „kein Parteimensch“ war und sich einst als „Rot-Grüner mit konservativen Zügen“ beschrieb, es so weit gebracht hat, ist durchaus auch Ergebnis seines geschickt verborgenen Ehrgeizes.
Platzeck hat einfach konsequent den Rat seines Vaters befolgt: „Wenn du schon in eine Partei eintrittst, dann versuche, ihr Vorsitzender zu werden.“ Er wurde Minister, Oberbürgermeister in Potsdam, dann Landeschef der SPD in Brandenburg und schließlich Ministerpräsident.
Doch er hat sich angepasst, ohne eingepasst zu wirken. Auch auf der nächsten Karriereebene will er verhindern, dass die Politik komplett von ihm Besitz ergreift. Ihm sei „bis zum 35. Lebensjahr etwas Sinnvolles für mein Leben eingefallen“, erklärt er, da wolle er auch künftig „kein Abhängiger sein, der sich nichts anderes als Politik mehr vorstellen kann“. Auch deshalb hat er „der Versuchung“ widerstanden, Außenminister zu werden.
Dass er sich seinen „Wählern und Brandenburg“ verpflichtet fühlte, hat ihn davor bewahrt, noch mehr von seinem Innenleben preisgeben zu müssen. Das „Provinz-Ei“, wie sich Platzeck wenige Tage vor der Bundestagswahl halb scherzhaft bezeichnete, ist Märker durch und durch. Seine Lebensgefährtin, ein paar Freunde, seine drei Töchter, sein Kiez in Potsdam-Babelsberg – das ist die kleine Welt, aus der er nicht entwurzelt werden mag.
Das hat den derart geerdeten Brandenburger aber nie gehindert, zielstrebig Karriere zu machen, mitunter ziemlich ruckartig. Die Aufgaben, sagt er, seien immer auf ihn zugekommen, seit Herbst 1989. Der grüne und bürgerbewegte Platzeck war in den Wendetagen vom Runden Tisch als Minister ohne Geschäftsbereich in das Kabinett von DDR-Premier Hans Modrow entsandt worden. Im Februar 1990 widersprach er dem reichen Bruder aus dem Westen, da fuhr Helmut Kohl seinen Gast Modrow an, wer denn der Referent an seiner Seite sei. Blauäugig, sagt er heute, sei er damals gewesen. Aber er hat daraus gelernt.
Als ihn, kaum war er Minister in der Ampelkoalition von Manfred Stolpe, die Kollegen Umweltminister aus dem Westen in die Polit-Rituale einführen wollten, hörte er zu – und folgte den Ratschlägen nur selten. Bis zehn Uhr morgens, so lautete einer der Ratschläge, müssten die Agenturen neue Nachrichten aus seinem Bereich melden, dann werde er schon ernst genommen. Er könne, freut sich Platzeck, „noch immer an einem Mikro vorbeigehen, ohne reinzusprechen“. Eine Laune der Natur, das Oder-Hochwasser 1997, machte ihn dann als „Deichgraf“ bundesweit bekannt. Der leise Weg durch die Institutionen brachte ihm immer wieder den Vorwurf der Profillosigkeit ein. Nur sympathisch zu sein, ärgerten sich Weggefährten, reiche nicht aus, Platzeck stehe für kein einziges politisches Thema und lasse der Konkurrenz viel zu viel Raum. In der Großen Koalition, die Platzeck seit Juni 2002 in Potsdam führt, träumte sein Stellvertreter, Innenminister Jörg Schönbohm (CDU), bereits vom Einzug in die Staatskanzlei.
Erst im Landtagswahlkampf im vergangenen Jahr gewann Platzeck politisches Profil. Seine Genossen im Bund hatten die Arbeitsmarktreform auf den Weg gebracht, und er stand auf den Marktplätzen seines Landes und musste sich dafür beschimpfen lassen. Als die ersten Eier flogen, rieten ihm Vertraute, nicht mehr auf frei zugänglichen Plätzen zu reden. Da schaltete der Mann der leisen Töne um: Er bekannte sich offen und energisch zu den Reformen, trat mit dem Kanzler auf, als viele zu dem auf Distanz gingen. So wurde seine märkische SPD doch noch stärkste Partei Brandenburgs und ihr Frontmann einer der engsten Vertrauten des Kanzlers. Lange vor anderen weihte Schröder seinen Potsdamer Lieblings-Eleven („Matthias, ich danke dir für deine Freundschaft“) in seine Neuwahlpläne ein.
Instinktsicher ließ Platzeck sich jedoch nie komplett in die Rolle des Kronprinzen drängen, erfüllte keineswegs alle Wünsche des Kanzlers nach gemeinsamen Auftritten. Fünf Tage vor der Wahl aber stand er dann wieder mit Schröder gemeinsam auf der Bühne, im gut besuchten Lustgarten seiner Heimatstadt Potsdam. Mit knirschendem Kiefer verfolgte ein abgekämpfter Schröder die ungewöhnlich kraftvolle Rede Platzecks, der gegen Union und Linkspartei gleichermaßen polemisiert. Dann ging Schröder auf ihn zu, und für einen Moment schien es, als wollte er ihn nie wieder loslassen, so sehr klammerte er sich an Platzeck.
Der aber hatte schon zu diesem Zeitpunkt beschlossen, nach der Wahl in keinem Fall nach Berlin zu wechseln. Er wolle, machte er den Genossen im Willy-Brandt-Haus klar, „erst in Brandenburg etwas bewegen“, nicht vor 2007 gehen. Die Frage, ob er nachträglich in ein Bundeskabinett wechseln würde, beantwortete Platzeck auf seine Weise zweideutig: „Ich bin nicht Jesus.“ Eigentlich wollte er nur sagen, dass er kein Prophet sei. Unfreiwillig gab er damit aber auch zu, welchen Druck er spürt.
Ob er sich tatsächlich zutraut, ganz in die Bundespolitik zu wechseln? „Ich habe immer so viel Freude an dem, was ich gerade tue“, wehrt er ab, „dass ich nicht über die nächsten Schritte nachdenken muss.“
Zurzeit pendelt er ständig zwischen Potsdam und Berlin, Koalitionsausschuss, SPD-Präsidium und, klar, auch Kungelrunden. Regiert, sagt ein Vertrauter, wird Brandenburg derzeit aus dem Auto. Platzeck ist mittendrin im Getümmel. Doch ein Stück Distanz bleibt immer, ein Abstand, den wohl nur einer bewahren kann, der schon einmal ein ganz anderes Leben mit einem ganz anderen Tempo geführt hat.
„Echten Raubbau“ habe er die Jahre seit der Wiedervereinigung mit seinen Kräften betrieben, sagt Platzeck, gescheiterte Beziehungen inbegriffen. Und mitunter plage ihn schon die Sorge, dass „der Brunnen, aus dem man schöpft, plötzlich versiegt“.
Es gibt Tage, da wird ihm klar, wie sehr sich sein Leben verändert hat. Vergangenen Mittwoch gab es so einen Moment. Da stand er bei der Jubiläumsfeier der Bundeswehr vor dem Reichstag. Er, der als Pazifist Bundesbürger wurde und den hellen Mantel wie eine Schutzkleidung trug, umzingelt von Leuten in dunklen Uniformen, angestrahlt von Fackeln. In diesem Augenblick habe er daran denken müssen, welch geheime Gefühle ihn am 3. Oktober 1990 bewegt hatten, als die Nationalhymne erklang und am Reichstag die schwarz-rot-goldene Fahne gehisst wurde. Damals sei das weder seine Hymne gewesen, sagt er, noch sein Land. Nun, beim Großen Zapfenstreich, sei ihm bewusst geworden, dass diese Bundesrepublik „komplett mein Land ist – und trotz aller Schwächen ein tolles Land“.
Stefan Berg DER SPIEGEL, 31.10.2005 |
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Freitag, 28. Oktober 2005 |
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Interview mit Matthias Plazeck (SPD) Warum er das Angebot ausschlug, Außenminister zu werden. Was er von der Großen Koalition erwartet. Dreimal hat man Sie gerufen, dreimal haben Sie sich geweigert, ins Bundeskabinett zu gehen – 1998, 2002 und 2005. Zuletzt sollten Sie sogar Außenminister und Vizekanzler werden. Traut sich der märkische „Provinzfürst“ nicht in die ganz große Politik? Nein, daran lags nicht. Und das jüngste Angebot war tatsächlich eine große Verlockung für mich. Aber es kam zum falschen Zeitpunkt – genau wie das Angebot 1998, als ich ein Jahr zuvor Oberbürgermeister von Potsdam geworden war. Damals wie heute bleibe ich dabei: Wer Aufgaben vom Wähler gerade erst übertragen bekommen hat, darf sich diesem Vertrauen nicht auf die Schnelle entziehen. Vielleicht bin ich da etwas altmodisch – aber ich sehe darin eine starke Verpflichtung gegenüber meinen Wählern. Denen habe ich erst vor einem Jahr Arbeit in und für Brandenburg versprochen. Einen Fuß werden Sie ja trotzdem in der Bundespolitik haben – wenn Sie auf dem Parteitag im November als Nachfolger Wolfgang Thierses zum stellvertretenden SPD-Vorsitzenden gewählt werden … Wenn es darum ging, ostdeutsche Interessen auf Bundesebene durchzusetzen, konnte ich mich schon bisher nicht über mangelndes Gehör beklagen, und zwar ohne immer gleich die große Trommel in der Öffentlichkeit zu schlagen. Was Wolfgang Thierses Vorschlag zu seiner Nachfolge im SPD-Bundespräsidium angeht, so werde ich zunächst mit meinen politischen Freunden im Vorstand der brandenburgischen SPD darüber sprechen. War das ein indirektes Ja zu Wolfgang Thierses Vorschlag? Ein „Nein“ war es jedenfalls nicht. (lacht) Was wären Ihre Schwerpunkte als neuer SPD-Bundesvize? Die ergeben sich aus meiner bisherigen Arbeit: Es geht mir zuallererst um die spezifischen Probleme und Interessen der Menschen im Osten. Ich stehe zweitens für gutes Miteinander mit den osteuropäischen Nachbarn. Ein dritter Schwerpunkt muss der demografischen Herausforderung gelten. Sinkende Geburtenzahlen brauchen als Antwort eine familienfreundlichere Politik, und den steigenden Anteil der Älteren müssen wir als Chance und nicht als Bedrohung begreifen. Was wir da schon in Brandenburg machen, kann beispielgebend für ganz Deutschland sein. Mit dem Parteiamt im Rücken wären Sie dann ja ein geeigneter Kanzlerkandidat fürs Jahr 2009… 2009 ist vor allem eines – ganz weit weg! (lacht) Vor der Bundestagswahl hatten wir Sie zu einer Großen Koalition auf Bundesebene befragt. Da haben Sie ausweichend geantwortet und die Unterschiede zum funktionierenden Bündnis aus SPD und CDU in Brandenburg betont. Jetzt immer noch so reserviert? Jeder weiß, im Wahlkampf geht es darum, Stimmen für die eigene Partei zu holen. Jetzt gibt es einen Auftrag der Wähler an Union und SPD. Und dass ich darüber nicht besonders unglücklich bin, ist kein Geheimnis. In der Situation des Wandels, in der sich Deutschlandgerade befindet, kann ein solches Bündnis der großen Parteien segensreich sein. Dafür müssen aber zwei Bedingungen erfüllt werden: Beide Seiten müssen sich in die Hand versprechen, volle vier Jahre bestmögliche Arbeit für das Land zu leisten. Und es müssen belastbare Vertrauensbrücken zwischen den handelnden Personen aufgebaut werden, um die schwierigen Phasen einer solchen Koalition, die zwangsläufig kommen werden, zu bestehen. Die Haushaltslage im Bund ist dramatisch, und bei den Koalitionsverhandlungen wird viel über Subventionsabbau gesprochen. Besteht Gefahr, dass auch beim Solidarpakt II und damit den Mitteln für den Aufbau Ost gespart wird? Alle wichtigen Akteure auf beiden Seiten haben mehrfach zum Ausdruck gebracht, dass am Solidarpakt II nicht gerüttelt wird. Wir ostdeutschen Ministerpräsidenten, egal ob Ringstorff, Böhmer oder Platzeck, gehen deshalb fest davon aus, dass diese Aussagen auf jeden Fall Bestand haben werden. Was wird aus dem SPD-Wahlkampfversprechen, den Bedarfsatz beim ALG II zwischen Ost und West anzugleichen? In der Arbeitsgruppe Aufbau Ost sind wir uns auf SPD-Seite völlig einig, dass wir keinen Millimeter von dieser Forderung abrücken werden. Die Angleichung ist die logische und sinnvolle Aufhebung einer nicht mehr erklärbaren Unterscheidung in Ost und West. Preisstatistiken hin oder her – es ist eine Tatsache, dass ein Arbeitslosengeld-II-Empfänger in Potsdam höhere Lebenshaltungskosten hat als jemand, der im Bayerischen Wald lebt. Daraus nun die Forderung abzuleiten, die Bedarfssätze generell regional zu differenzieren, würde zu einem bürokratischen Aufwand führen, den niemand wollen kann. Daher ist der einheitliche Satz für Ost und West das Gebot der Stunde. Auch um der Linkspartei den Wind aus den Segeln zu nehmen? Zumindest hat diese Unterscheidung in Ost und West zu einem Gefühl der Ungleichbehandlung geführt, das der Linkspartei in den neuen Ländern ein paar Extra-Prozente beschert hat. Sie ist genauso unzeitgemäß wie der unwürdige Umgang mit Lothar Bisky bei der Wahl zum Bundestagspräsidium. Das war nicht nur schlechter Stil gegenüber einem honorigen Menschen, sondern auch das reinste Förderprogramm für die Linkspartei. |
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Montag, 10. Oktober 2005 |
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Das Land Brandenburg nimmt Abschied vom westdeutschen Modell und orientiert sich neu
von Susanne Gaschke (Artikel aus der ZEIT vom 6. Oktober 2005)
JYVÄSKYLE/POTSDAM
Aber was tun sie, wenn eine Schwangere nicht zur Vorsorgeuntersuchung kommt? Wenn junge Eltern die Impftermine ihres Kindes nicht wahrnehmen? Wenn ein Kind eine –Beziehungsstörung entwickelt, weil die Mutter sich nicht richtig kümmert?, fragt Hendrik Karpinski, Chefarztder Kinderklinik Niederlausitz. Er sitzt in dem freundlichen Vortragsraum seiner finnischen Kollegen von der Kinderklinik in Jyväskylä und denkt an Datenschutz, Kooperationsschwierigkeiten mit der Jugendhilfe, an neunfachen Babymord, an Jessica und die Hilflosigkeit des Sozialstaats. Deutsche Fragen, deutsche Gedanken.Seija Sulola, leitende Krankenschwester der Kinderklinik, blickt den Deutschen mit jener Mischung aus Mitgefühl und Strenge an, die sie vermutlich auch ihren Klientinnen entgegenbringt. „Wenn Mütter mehrere Termine versäumen, rufe ich sie natürlich zu Hause an und frage, was los ist“, sagt sie „Wenn ich eine psychische Störung feststelle, empfehle ich den Rat von Psychologen oder informiere die zuständigen Sozialarbeiter. Sie müssen verstehen: Es kommt praktisch nicht vor, dass Eltern unsere Hilfe ablehnen.“ Dagmar Ziegler (SPD), die Sozialministerin des Landes Brandenburg, verfolgt misstrauisch den Austausch zwischen Arzt und Krankenschwester. Man merkt ihr an, dass sie sich die Vermutung vorbehält, auch hier, im perfekten Nokia-Sozialstaat, könne es materielle Not geben, Benachteiligte oder schicht bösartige Menschen. Die gibt es in der Tat. Aber kein Finne würde diese Probleme als wichtigste oder gar einzige Merkmale seiner Heimat präsentieren: Das ist Lektion eins für die deutsche Delegation, die sich dieser Tage über das finnische Familienbetreuungskonzept Neuvola informiert. Neuvola ist ein Versorgungsnetz, das alle Kinder, vom Mutterbauch bis weit hineinins Schulalter, im Blick behält. Lektion Nummer zwei: Die meisten Finnen haben nichts gegen eine derartig aktive, im Notfall schnell intervenierende staatliche Fürsorge einzuwenden. Sie betrachten sie als erfreuliche Gegenleistung für gezahlte Steuern, nicht als Eingriff in ihre Privatsphäre. Und auch die skeptische Sozialministerin erliegt im Laufe der Reise dem Charme des finnischen Modells.
„Das hatten wir auch einmal“ sagen die Besucher. Zu DDR-Zeiten
Ein weiterer Erfolg für die Finnland-Propagandisten des Landes Brandenburg. Es sind im wesentlichen Mitarbeiter der sozialdemokratischen Landtagsfraktion und des Bildungsministeriums, die versuchen, ihrem von ökonomischen und demografischen Auszehrungserscheinungen geschwächten Bundesland eine „strategische Vison“ ui verpassen. Ihren Ministerpräsidenten Matthias Platzeck haben sie längst auf Finnland-Kurs getrimmt: Seit eineinhalb Jahren steht er in regem Gedankenaustausch mit dem ehemaligen finnischen Regierungschef Paavo Lipponen,der in den neunziger Jahren Finnlands schwere Wirtschaftskrise nach dem Zusammenbruch der Sowjetmärkte meisterte und das Land zu seiner technologischen Spitzenposition führte. Platzeck besuchte 2004 Potsdams finnische Partnerstadt Jyväskylä. Seither hat er zu Hause viele Reden über das skandinavische Vorbild gehalten; Publikationen der Landesregierung sind voll von Finnland Bezügen. Ministerial- und Kommunalangestellte bereisen finnische Kindergärten, Schulen Universitäten, High-Tech-Parks, Unternehmen – den ein wenig einseitigen Pisa- Tourismus, der das finnische Unterrichtsministerium in Helsinki zur Bestellung eines speziellen Pisa-Experten für deutsche Gruppen nötigte, haben sie längst hinter sich gelassen. Sogar die landschaftlichen Ähnlichkeiten der beiden Regionen dienen dem Ministerpräsidenten als sichtbarer Ausdruck einer möglichen Seelenverwandtschaft; im Übrigen, schreibt er in einem Aufsatz, hätten beide Länder den Zusammenbruch ihres Wirtschaftssystems verkraften müssen. Und überhaupt, woran, wenn nicht an Finnland, soll Brandenburg sich denn orientieren? „Aug wegweisende Ideen aus Westdeutschland können wir derzeit kaum hoffen.“ Es ist nicht nur der mangelnde Glaube an westdeutsche Modelle, der die Brandenburger den Finnen in die Arme treibt. „Genau so ein gutes Familienbetreuungssystem hatten wir auch einmal“, sagt der Vorsitzende der Potsdamer SPD-Landtagsfraktion Günter Baaske beim Besuch in der Kuokkala-Kinderklinik. Der Zusatz „zu DDR-Zeiten“ hängt unausgesprochen in der Luft, auch beim Besuch im finnischen Unterrichtsministerium, wo man den Brandenburgern ein erfolgreiches Gesamtschulsystem vorstellt, das Finnland Ende der sechziger Jahre weitgehend von der DDR übernommen hatte. „Anschlussfähigkeit“nennen die Finnland-Strategen aus Potsdam die Suggestivkraft solcher Erfahrungen. Sie scheint gegeben, diese Anschlussfähigkeit. Platzecks Entwurf einer aufeinander abgestimmten Familien-, Bildungs- und Technologiepolitik kommt offenbar gut an bei brandenburgischen Arbeitgebern. Die Landesregierung hat einen Familien- und einen Technologiebeirat gegründet. Letzterer soll die Zusammenarbeit von Hochschulen und Unternehmen intensivieren. Am Klinikum Niederlausitz in Senftenberg entsteht ein Familienzentrum, das von 2006 an alle Neugeborene nach finnischem Vorbild begleiten soll. Die Fachhochschule Potsdam arbeitet an Methoden der familiären Frühbetreuung. Freilich zeigt der Blick auf den nördlichen Musterstaat auch, dass guter Wille allein nicht genügt: Die Finnen leisten sich eine Erzieherin für je vier kleine Kinder, ein einkommensabhängiges Elterngeld und großzügige Studienförderung. Außerdem schrecken sie nicht vor sozialem Druck zurück: So erhalten Schwangere ihr Mutterschaftsgeld nur dann, wenn sie sich rechtzeitig der Neuvola- Familienfürsorge anvertrauen. Ein Großteil dieser Politik wäre nachahmenswert, doch allzu vieles wird in Deutschland gar nicht auf Landesebene geregelt. Auch fehlt Brandenburg einstweilen ein Gummistiefel-Produzent, der sich über Nacht, wie Nokia, zum führenden Telekommunikationskonzern mausern könnte, um Wirtschaftskraft, Arbeit und damit Steueraufkommen in die Region zu bringen. Als neu angelernte Finnen lassen sich die Brandenburger von diesen real existierenden Problemen freilich nicht die Sicht auf eine bessere Zukunft verstellen., |
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